Schreibtischgeschichten

Von dunklen und hellen Orten Teil 1

Aber nein, nichts an meinem Roman ist autobiographisch. Sage ich, wenn mich jemand fragt. Dabei ist dann meist gemeint, ob Ernestine eine Version meiner selbst sei. Und weil ich selbst nicht mal im Entferntesten vermutet hätte, man könne auf diese Idee kommen, und weil ständig jemand auf diese Idee kommt, musste ich uns doch mal einem Check unterziehen.

Also, Ernestine Nordmoor ist eine junge, dünne Frau mit langem schwarzen Haar und einer auffälligen Nase, die niemals lächelt, dafür aber Kette raucht, nur Schwarz oder Weiß trägt, eine nicht nur latente Todessehnsucht hat, Totenschädel liebt und Geister sehen kann.

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Ok. Jung? Naja, im Inneren ganz gewiss, und ich werde auch dauernd mindestens 10 Jahre jünger geschätzt, und ältere Herren sagen immer noch „Junge Dame“ zu mir und… nein, ganz ehrlich, mit dem jung ist es schon eher vorbei.

Dünn? Hat man benutzt, um mich zu beschreiben seit ich laufen kann. Die Großmütter versuchten auch ständig erfolglos, etwas dagegen zu unternehmen. Aber dünn sind viele. Nicht nur Ernestine und ich.

Lange schwarze Haare? Noch nie gehabt. Kurz und schwarz gab es mal. Mittellang und schwarz auch, glaube ich. Eine Frau vergisst schon mal die Unzahl aller im Leben getragenen Frisuren und Farben. Vor allem wenn sie nicht mehr ganz so jung ist. Aber sehr lang und sehr schwarz? Nee.

Auffällige Nase? Es gab einmal eine kurze Phase, in der die pubertierenden Brüder meinem pubertierenden Ich weismachten, dass meine Nase die Form einer Kartoffel hätte, woraufhin ich versuchte dies mit Hilfe einer Wäscheklammer zu korrigieren. Möglicherweise hat dieses kleine Trauma tatsächlich immer noch Auswirkungen auf mein literarisches Wirken. Aber bei einem Blick in den Spiegel: Nase? Unauffällig. Langweilig gar.

Niemals lächeln? Hey, ich bemühe mich wenigstens. Wenn ich behaupte, ich hätte ein sonniges Gemüt, lachen wenigstens immer alle anderen. Aber ein Lächeln erhellt doch ziemlich oft mein Gesicht.

Kette rauchen? Diese Eigenschaft wählte ich nur, ich gestehe es, um endlich einmal die Gelegenheit zu haben, meine gewaltige Errungenschaft der Welt kundzutun: In diesem Jahr bin ich seit genau 10 Jahren Nichtraucherin. Ein dreifaches Hurra.

Schwarz und Weiß? Weder noch. Anscheinend schmeichelt das nicht meinem Teint, hat mal so eine Farbberaterin behauptet. Also, das obligatorische kleine Schwarze hängt schon noch in meinem Schrank rum und wartet auf Ausgang. Aber Weiß wird einfach zu schnell schmutzig. Auch Schriftstellerinnen können pragmatisch sein.

Todessehnsucht? Wer hat die nicht? Also, so ein paar Mal im Leben. Beim ersten gebrochenen Herzen. Beim ersten Mal Schauen von „Interview mit einem Vampir“. Kurz vor der Mathearbeit. Beim ersten Mal Schauen von „Bachelor“. Aber die Intervalle werden kleiner. Irgendwann gewöhnt man sich daran, nicht dauernd sterben zu können, wenn einem danach ist. Ich bringe einfach meine Protagonisten um. Vielleicht als eine Art Ersatz? Jetzt keine tiefenpsychologischen Ausflüge, bitte.

Liebe zu Totenschädeln? Denen stehe ich mit freundlicher Neutralität gegenüber. Genauso wie Tassen, Kieselsteinen, Wolken und kleinen Kindern.

Geister sehen? Leider total negativ. Das war bereits ein Kinderwunsch von mir, und ja, von daher gibt es hier ganz überraschend eine ganz winzige autobiographische Verbindung.

Aber so insgesamt kann ich also auch weiterhin entschieden jeglichen Bezug zu meinem Lebenslauf verneinen oder dem Zufall zuordnen.

Fiktion bleibt Fiktion.

Das ist der helle Ort.

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„Schneewittchens Geister“, da tat beim Schreiben nichts weh. Stimmt natürlich nicht in dem Sinne, dass Schreiben mitunter echt sauanstrengend sein kann.

Aber innerlich ganz fröhlich distanziert hatte ich viel Spaß dabei, ganz neue, unbekannte Charaktere zu erschaffen. Trieb mich fasziniert zu Recherchezwecken in Waffen-Foren herum, für eine einzige kurze Episode. Spielte Gott, indem ich meine armen Protagonisten durch irre Schicksale trieb. Packte sogar Gott und gleich den Teufel noch dazu hinein. Spielte bestens gelaunt mit Monstern, Geistern, Märchen und Unsterblichkeit. Unterhielt mich ausgezeichnet mit den guten Gefährten Klischees und Ironie.

Ja, „Schneewittchens Geister“ war ein heller, unschuldiger Ort. Trotz dem ganzen Blut.

Was habe ich beim Schreiben gelacht. Ja, auch dann, wenn es blutig wurde. Entschuldigung, nie habe ich behauptet, mein Humor wäre gesellschaftsfähig.

Und jetzt, ganz überraschend, bin ich hinabgestiegen in ein finsteres Tal namens „Jugendbuch“.

Eine kleine, zarte Geschichte sollte es werden. Eine einfache Geschichte, ohne Schlachten, ohne Monster, ohne Geister.

Aber wenn mich jemand fragen wird, ob diese Geschichte autobiographisch ist, dann werde ich antworten müssen: Irgendwie, befürchte ich, ja, das ist sie tatsächlich. Verdammt.

Und das führt mich beim Schreiben an so viele dunkle Orte, dass ich mich zu meinen Monstern zurücksehne.

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7 Kommentare zu „Von dunklen und hellen Orten Teil 1

  1. Wobei bei „Interview mit einem Vampir“ es doch eher eine Untot-Sehnsucht ist, oder? Zumindest hatte ich die, als ich den Film mit 14 sah.
    Sehr sympathische Aufstellung! Musste ich mit Anna aus „Zarin Saltan“ auch schon oft machen, erklären, wo wir uns überall unterscheiden.

    Gefällt 1 Person

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