Illustrationen · Schreibtischgeschichten

Von dunklen und hellen Orten Teil 2

Mein bester Freund heißt “Ironische Distanz“. Kennengelernt haben wir uns vor vielen, vielen Jahren an einem sehr dunklen Ort. Er fand mich dort, nahm meine Hand und führte mich woanders hin, wo es heller war.

Seitdem war ich nicht mehr einsam. Zusammen bildeten wir ein unschlagbares Team. In unserer Gang befanden sich auch „Wortwitz“ und „Widerspruchsgeist“. Hin und wieder stieß die gute, alte „Misanthropie“ zu uns, dann wurde es richtig lustig.

Zusammen erlebten wir nicht nur so manches Abenteuer, sondern schrieben auch „Schneewittchens Geister“.

Aber wie das so ist mit langjährigen Freundschaften. Irgendwann stellst du fest, dass manches nicht mehr harmoniert. Dieser Moment, an dem du zum wiederholten Mal nachts um drei von einer Party nach Hause kommst, an die du dich bereits nicht mehr erinnern kannst, weil nichts davon neu war. Dieser Moment, an dem du feststellst, dass du deswegen zu viel trinkst, weil du dich langweilst. Dieser Moment, in dem dir bewusst wird, dass der Spaß den du mit deinen alten Freunden hast eine Kerkerzelle ist. Du hast es dir dort nur so gemütlich eingerichtet, dass du dir einreden kannst, du wärst frei.

Diesen Moment hatte ich vor ein oder zwei Jahren, als ich an einem neuen Manuskript saß. „Ironische Distanz“ und „Wortwitz“ waren in Bestform, weil ihr Kumpel „Skrupellosigkeit“ zu Besuch war und was zu Rauchen dabei hatte. Die drei verfassten einen dermaßen aberwitzig brutalen Handlungsstrang, dass er aus „Schneewittchens Geister“ eine Gute-Nacht-Geschichte für Kinder machte.

Auch jetzt musste ich bereits beim ersten Kapitel viel lachen. Aber dann geschah etwas, und der Spaß war vorbei.

Denn auf einmal war Lilly da. Ich hatte sie bestimmt nicht eingeladen. Irgendjemand hatte sie reingelassen, als ich nicht aufpasste. Wahrscheinlich „Skrupellosigkeit“, der fühlte sich völlig unverwundbar und bedachte nie die Konsequenzen seines Tuns.

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Und Lilly sah so harmlos aus. Aber sie kam mit der geistigen Gewalt eines Sondereinsatzkommandos. Als erstes warf sie den ganzen Haufen meiner jahrelangen, treuen Begleiter vor die Tür. Sie riss die Vorhänge und sogar die Fenster auf und verpasste mir zu allem Überfluss eine Ohrfeige.

Also blieb mir irgendwie schlecht etwas anderes übrig, als ihr wenigstens zuzuhören. Ich stand schließlich unter Schock.

Sie verlangte nicht viel und zugleich absolut Unmögliches. Und sie war voller Wut. Ich sollte endlich ihre Geschichte erzählen. Es müsse kein ausgefeilter Roman werden, keine Armee an skurrilen Charakteren, keine Schlachten, keine Monster. Keine 500 Seiten.

Eine kleine, zarte Geschichte sollte es werden. So klein und zart wie sie. Nur ein paar Wochen meines Lebens forderte sie. Das wäre ich ihr schuldig.

Natürlich hatte sie recht. Sie hatte tatsächlich alles Recht der Welt, wütend auf mich zu sein. Ich versuchte erst gar nicht, ihr zu widersprechen. Außerdem traute ich mich auch nicht, weil mir meine Verbündeten fehlten.

Und ich hoffte heimlich, Lilly mit dem Ende der Geschichte dann für immer los zu sein. Ein Handel, der akzeptabel war. Ich willigte also ein. Dumm wie ich war. Da dachte ich also, ein kleines Mädchen mit einer kleinen Geschichte könne mich nicht schrecken, nicht mich, die bei „Antichrist“ von Lars von Trier einschläft und Beerdigungen lustig findet.

„Also gut, Lilly, gehen wir“, antwortete ich schließlich. Das war vor etwa einem Jahr. Denn seitdem bin ich mit dem kleinen Mädchen an vielen sehr dunklen Orten unterwegs, wo kleine Mädchen eigentlich nichts verloren haben.

Und seitdem mich „Ironische Distanz“ endgültig beleidigt verlassen hat und nur noch sporadisch für Anstandsbesuche vorbeischaut, bin ich wieder einsam. Und ich kämpfe mit Monstern, die nicht wie Monster aussehen, aber viel entsetzlicher sind. Meine Waffen sind „Mut“ und „Aufrichtigkeit“, aber ich kann damit noch nicht gut umgehen.

Ich hoffe darauf, dass mich wieder jemand findet, an die Hand nimmt und mich durch die Dunkelheit begleitet.

Manchmal lache ich trotzdem noch beim Schreiben. Lilly kann überraschend witzig sein. Manchmal weine ich aber sogar. Das ist neu und auch überraschend.

Zum Glück bleibt mir mein alter Gefährte „Forschungsgeist“ treu; er findet diese Entwicklung äußerst interessant. „Fuck you, Forschungsgeist, ich leide!“ sage ich zu ihm, aber wie alle Wissenschaftler notiert er sich das lieber in sein Notizbuch und fordert mich neugierig dazu auf, damit weiterzumachen anstatt mich zu trösten.

Also mache ich weiter. Lilly wird langsam bereits ungeduldig.

Lilly ist nicht ich. Aber wenn ich in ein paar Wochen damit fertig bin, ihre Geschichte zu erzählen und wenn mich dann wieder jemand danach fragt, ob sie etwa autobiographisch ist, dann muss ich antworten: Irgendwie, befürchte ich, ja, das ist sie tatsächlich. Verdammt.

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Lilly lächelt gerade. „So jemand wie mich könntest du auch gar nicht erfinden!“ sagt sie absolut überzeugt. Ich muss auch lächeln. Langsam fange ich wenigstens an, sie zu mögen.

„Der Arbeitstitel lautet übrigens STERBEN IST EINFACH!“ bestimmt sie dann. Ich seufze. Offensichtlich werde ich mit ihr noch viel streiten müssen, zum Beispiel was die Marketing Gesetze des Buchmarkts angeht.

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4 Kommentare zu „Von dunklen und hellen Orten Teil 2

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